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Landesweiter Abistress hat begonnen
Mit transparenten Verpflegungsbeuteln und Federmappe in den Händen standen am vergangenen Samstagmorgen kurz vor acht ca. 50 Schülerinnen und Schüler vor dem Jade-Gymnasium und warteten auf Einlass. Sie nahmen an der Deutschklausur teil, die den Auftakt bildet für den vierwöchigen Abiturstress mit vier Klausuren und einer mündlichen Prüfung pro Prüfling. Landesweit unterziehen sich etwa 36 000 Schüler und Schülerinnen, darunter 41 Mädchen und 36 Jungen vom Jade-Gymnasium, dieser „Maturitätsprüfung“, die zum ersten Mal 1788 in Preußen zur Reglementierung des Hochschulzugangs eingeführt wurde. Jeder Prüfling hat vier Klausuren zu absolvieren und muss danach noch eine mündliche Prüfung überstehen. Da es insgesamt über zwanzig Prüfungsfächer in Niedersachsen gibt und keinem Prüfling mehr als drei Klausuren in einer Woche zugemutet werden dürfen, muss sogar am Samstag geprüft werden. Manuel Scholman aus Berne ist froh, dass er seine praktische Sportprüfung schon vor den Osterferien absolvieren konnte und nicht sowohl Bestform am Reck als auch in der Matrixrechnung synchron konservieren musste.
„Gestern war ich noch sehr nervös, aber ich habe gut geschlafen und heute morgen ohne Probleme gefrühstückt.“, umschrieb Helen Schiller, 18-jährige Abiturientin aus Mentzhausen, ihren Gemütszustand. Ähnlich gelassen wirkte auch Andre Eden aus Jaderberg, der Deutsch als Prüfungsfach auf Grundniveau gewählt hat und deshalb insgesamt 220 Minuten und damit 80 Minuten weniger als Helen an seinen Formulierungen feilen konnte. „Ich habe schon weit vor den Osterferien begonnen, fast täglich für die Prüfungen zu pauken und fühle mich gut vorbereitet.“ begründet Andre seine große Ruhe und ist sich sicher, dass er sein Philosophiestudium demnächst aufnehmen kann. Beide wünschten sich, dass unter den zwei Themenvorschlägen, von denen sie einen zu Beginn der Prüfung zu wählen haben, eine Gedichtanalyse zu finden sei.
Eine gespannte Stille war bei den versammelten Deutschlehrern und Prüflingen zu spüren, als Günter Mertins, Schulleiter und zugleich Prüfungskommissionsvorsitzender, den Klausurraum betrat und sich zunächst pflichtgemäß davon überzeugte, dass alle elektronischen Helferlein vorn auf dem Pult abgelegt waren und auch die transparenten Verpflegungsbeutel nichts enthielten, was als Täuschungsversuch ausgelegt werden könnte. „Keine Miene verziehen , wenn die Themen bekannt gegeben werden“, hatte sich Sigrid Raffalski als prüfende Lehrkraft vorgenommen, um die Schüler und Schülerinnen nicht zu verunsichern, doch eine gewisse Erleichterung war ihr anzusehen, als das bis dahin streng gehütete Geheimnis von Günter Mertins gelüftet wurde. „Die Themen passen. Unsere Schüler müssten das gut hinbekommen“, kommentierten sie am Mittag, mit den Klausuren unter dem Arm. Erfahrungsgemäß werden sie sechs bis acht Stunden pro Prüfungsarbeit für die Erstkorrektur investieren müssen. Danach geht jede der insgesamt 308 Arbeiten noch durch die Hände von zwei weiteren Fachlehrern und des Prüfungsvorsitzenden, und einige werden stichprobenartig auch ministeriell geprüft. „Die nächsten Feiertage und Wochenenden kann man knicken, wenn man bis zu zwanzig Prüflinge hat“ waren sich die Lehrer und Lehrerinnen einig. „Der Zeitdruck ist für alle sehr hoch“, stellte Caren Kalläne-Wolter fest, die schon sehr viele Deutschkurse zum Abitur geführt hat, auch wenn die Abiturzeugnisse erst am 6.Juli ausgegeben werden. Ein Kostenfaktor ist das Abitur auch. Die Prüfungsunterlagen werden vor jedem Prüfungstag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und unter der Kontrolle des Prüfungsvorsitzenden aus dem Internet heruntergeladen und für jeden Prüfling kopiert, das ergibt in der Summe eine fünfstellige Seitenanzahl.
Helen wählte übrigens als Thema den Vergleich eines modernen Gedichtes mit dem Goethe-Gedicht „Neue Liebe , neues Leben“ und war nach der Klausur ganz glücklich, nicht als Alternative die Analyse zeitgenössischer Texte von Werner von Siemens oder Heinz Maier-Leibnitz, die sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung des Wissenschaftlers befassen, gewählt zu haben.
Andre bekam auch sein Wunschthema und konnte sich anhand eines Liedes aus „Das Leben eines Taugenichts“ von Joseph Freiherr von Eichendorff mit den unerfüllbaren Sehnsüchten eines in eine Adelsfrau verliebten Bürgerlichen und, falls ihm die Begriffe geläufig waren, dem „Hebungsprall“ und dem “vierfüßigen Trochäus“ auseinandersetzen. „Ein traditionell erscheinendes Thema, das aber dadurch, dass die heutigen Schüler insbesondere ihre Methodenkompetenz beweisen müssen, nicht mehr traditionell zu behandeln ist“, stellt Günter Mertins als Germanist mit über dreißig Jahren Abiturerfahrung klar. „Hoffentlich habe ich genug geschrieben.“, war die große Sorge von Andre, spürbar müde nach der Anstrengung und froh, dass er noch vier Tage Zeit bis zur Geschichtsklausur hat.

Transparente Verpflegungsbeutel und Handysammlung, die Themen sind gerade verteilt

In Erwartung, vorne links sitzt Andre Eden.

Ausgabe der Abituraufgaben

Manuel Scholman kämpft am Hochreck um Abiturpunkte

